Es ist das Lebensmotto einer ganzen Generation: Ich bin im Fernsehen, also bin ich. Und nie war es so einfach wie heute, ins Fernsehen zu kommen. Immer mehr Casting-Shows buhlen um die Gunst der Zuschauer. Während Dieter Bohlens «Superstar» derzeit auf RTL neue Quotenrekorde bricht, geht Heidi Klum seit Donnerstag für Pro7 auf Topmodel-Suche. Dass die Show in bisher vier Staffeln zwar allerlei Skandälchen, aber kein einziges Topmodel hervorgebracht hat, stört nur die wenigsten Teilnehmerinnen – fast 2000 Mädchen kamen alleine zu dem Casting für die aktuelle Staffel nach Köln.

Tränenreicher Zickenkrieg Der tränenreiche Zickenkrieg um Ruhm, Ehre und das obligatorische Foto am Ende jeder Sendung schlägt Wellen, und zwar weit über das umstrittene Fernsehformat hinaus: «Wir erleben derzeit einen Boom, eine regelrechte Casting-Kultur», sagt der Aachener Fotograf Stephan Rauh (29).

Bereits jetzt sei absehbar, dass auch die jüngste Staffel von «Germanys Next Topmodel» zu einem neuerlichen Ansturm auf Model-Agenturen und entsprechende Plattformen im Internet führen werde. Rauh, stets betont smart und lässig, hat in den vergangenen Jahren selbst Blut geleckt, eine Model-Agentur gegründet und schon für diverse Fernsehsender gearbeitet. «Es hat sich so ergeben. Immer mehr Mädels haben wegen Foto-Jobs angefragt, so dass ich 2008 kurzerhand die Agentur gegründet habe.» Der bisherige Höhepunkt seiner noch jungen Karriere war ein Model-Casting im Rahmen der Pro7-Sendung «Deine Chance»: Für eine Kampagne des Mode-Labels «Ed Hardy» suchte und fotografierte Rauh das passende Gesicht.

Doch der Aachener warnt junge Aspirantinnen vor allzu großen Model-Träumen: «Viele Mädels gehen wirklich erschreckend blauäugig vor.» Vor allem im Internet suchen viele Jugendliche den Einstieg ins Business: Mehr oder weniger seriöse Agenturen und immer häufiger auch anonyme Model-Plattformen hoffen auf das große Geschäft. Der Markt ist unübersichtlich: Neben Amateur-Modell-Portalen wie http://www.model-kartei.de existieren zahlreiche Plattformen, die mit Profi-Kontakten werben und dafür häufig zumindest Anmeldegebühren verlangen. Nicht immer seien die Kosten transparent, warnt Agenturchef Andreas Donat aus Köln. Seiten wie http://www.stylished.com etwa versteckten Zahlungsbeiträge häufig im Kleingedruckten als Text (Beispiel: «Neunundvierzig Euro»).

Stephan Rauh warnt deshalb grundsätzlich davor, für die Aufnahme in eine Kartei oder Agentur hohe Geldbeiträge auszugeben. «Das ist in der Regel unseriös.» Allerdings haben angehende Models häufig das Problem, dass sie für eine ordentliche Mappe gute Fotos brauchen. Bei Profis wie Rau kosten die schnell mehr als 1000 Euro. Die billige Lösung: eine Anmeldung bei der «model-kartei». Hier treffen sich Hobbyfotografen und Modelle, auf Honorare wird oft im beiderseitigen Einverständnis verzichtet. In seiner Anfangszeit war auch Rauh hier angemeldet, hatte jedoch «nach drei Monaten keine Lust mehr auf die ständigen Anfragen von jungen Mädels», wie er sagt. Tatsächlich tummeln sich in der «model-kartei» neben gestandenen Hobby-Modellen inzwischen auch viele Unter-16-Jährige auf der Suche nach Shootings. «Nach oder während einer Heidi-Klum-Staffel begegnet man häufig neuen Gesichtern», sagt Yvonne (Nachname der Redaktion bekannt).

Seit vier Jahren steht die 28-jährige Aachenerin vor der Kamera – ein nicht unlukrativer Job neben ihrem Sinologie-Studium in Bonn. Einziger Haken: «Geld verdienen Amateure nur mit Aktfotos. Und wer einmal Nacktfotos von sich hat machen lassen, der kommt bei professionellen Agenturen nicht mehr unter.» Für Yvonne, die aus einem Dorf in der Eifel stammt und für das Hobby einen Bruch mit der Verwandtschaft riskierte, war eine Karriere im Model-Business jedoch nie ein Thema. «Für mich steht und stand immer nur der Spaß im Vordergrund: mich zu präsentieren, zu verwandeln, in eine Rolle zu schlüpfen.

Ich habe mir nie Illusionen gemacht.» Pfundige Fotos Illusionär, so meinen Experten, ist nicht zuletzt die Vorstellung, mit einer Casting-Show in den Model-Olymp aufzurücken. «Keine große Modelagentur will die Mädchen aus der Show haben», sagt Ted Linow, Chef der Hamburger Mega Model Agency. Mit der Model-Realität habe die Sendung nichts zu tun, mehr noch: «Den seriösen Agenturen tut diese Sendung nicht gut. Die Zuschauer müssen ja denken: Was sind das eigentlich für komische Menschen, die so etwas machen?» Merkwürdige Menschen? In der TV-Realität sind sie relativ häufig, wie auch Fotograf Rauh feststellen musste. So hadert der Aachener inzwischen mit seiner Rolle bei einer RTL-«Plus-Size-Model-WG», bei der sich die pfundigen Teilnehmerinnen für Fotos unter anderem mit Essen bewerfen mussten. Immerhin: Mit einer geplanten Model-Casting-Show um den Ex-Casting-Star Akay hat er bereits wieder ein heißes Eisen im Feuer. Neue Show, neues Glück.