Es war heute vor genau 100 Jahren. „Ich bin in Burtscheid geboren“, sagt Karl Otto Götz und lehnt sich lächelnd zurück. „Später baute mein Vater dann ein Haus an der Maria-Theresia-Allee, ich glaube Nummer 229.“ Burtscheid, ja, die Erinnerungen sprudeln wie das Quellwasser, das er als kleiner Junge der Mutter zum Geschirrspülen holen musste.

„Aber nur von dem Brunnen, bei dem es mit 73 Grad aus dem Boden kam“, betont Götz. Am Samstag feiert der Künstler den 100. Geburtstag in seinem weitläufigen Atelierhaus in Wolfenacker – vormittags mit den Honoratioren der Gemeinde, nachmittags mit engen Freunden – an seiner Seite aufmerksam und stets aufrecht: Rissa, die einstige Schülerin, Künstlerin und seit 49 Jahren seine Ehefrau. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schmunzelt Götz, den 2004 ein Augenleiden vollständig erblinden ließ. Man spürt bei den beiden die Nähe, das Glück, einander noch immer zu haben, das tiefe Kunst- und Lebensverständnis, in dem sie sich perfekt ergänzen. Kunst erfüllt das Leben und das Haus am baumbestandenen Wiesenhang, wo jetzt bereits die Vögel frühlingshaft zwitschern.

Bundesweite Resonanz

Im Vorfeld zum Geburtstag sind Beiträge über Götz in nahezu allen Medien erschienen. Wo überall? Es wird eine Weile dauern, bis man das aufgelistet hat. Bundesweit erinnern Museen, Kunstsammlungen und Galerien in Retrospektiven an Götz und bilden im Wechsel zwischen der Malerei, Arbeiten aus Ton, Stahl, Holz sowie „Luminografien“ ein anschauliches Spektrum seines Œvres – nicht nur in Aachen, auch in Chemnitz, Geburtsstadt der Mutter, in Düsseldorf, wo Götz an der Kunstakademie „Freie Malerei“ gelehrt hat, und in Berlin.

Götz hat als einer der bedeutendsten bildenden Künstler der deutschen Nachkriegsgeschichte die Kunstwelt stark verändert. Im weltweiten Siegeszug der gegenstandslosen Malerei, die ab 1945 die Auflösung des klassischen Formenprinzips forderte, wurde Götz zum Hauptvertreter des „Deutschen Informel“, suchte und fand nicht nur neue Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch eine Technik, mit der er sie umsetzen konnte. Kleister und Farbe auf der Leinwand wurden mit einem Schieber aus Gummi oder Stahl, dem Rakel, blitzschnell und effektiv zum Bildmotiv geformt, die Geburtsstunde kraftvoller Bilder, einer „Handschrift“, die unverkennbar bleiben sollte.

Natürlich hat ihn der Erfolg beflügelt, Selbstbewusstsein war nie sein Problem. Diskussionen und das Theoretisieren in Sachen Kunst gehörten dazu. Doch hochtrabende Umschreibungen mag er nicht. Da tauchen andere, lockende Bilder auf, die Karl Otto Götz sehr genießt, entwickeln sich neue Parallelen. So liegt etwa der würzig-süße Duft von Aachener Printen in der Luft. „Kräuterprinten und Prinzeß-Printen, die mag ich. Nur keine mit Schokolade“, lächelt er. In Burtscheid konnte er als Junge vom Fenster der elterlichen Wohnung aus in die Backstube der Bäckerei Dahmen schauen. „Ich war fasziniert, wenn der Bäcker den klebrigen Printenteig mit einem Spachtel auf das Blech strich und dort schon für die Einkerbungen sorgte, wo man später die Printen brechen konnte“, erzählt er mit höchster Genauigkeit.

Werkzeuge interessierten ihn. Beim Sonntagsausflug mit dem Vater ins Suermondt-Museum zog ihn die Waffensammlung magisch an, Speerwerfen mit Nachbarsfreundin Irmgard („Nicht hübsch, aber man konnte mit ihr Pferde stehlen…“) gehörte neben dem Ausspionieren der fantasievollen Zigaretten- und Kaffeeschmuggler zu den Lieblingsbeschäftigungen. „Ja, sportlich war ich immer Laufen, besonders Staffellauf, das hat mich gesund erhalten.“ Der Mann mit dem schmalen Gesicht und dem ruhigen Blick, der sich auf Fotos häufig mit seiner Pfeife ablichten ließ, hat das Rauchen aufgegeben – aber erst vor etwa acht Jahren, wie er erzählt.

Und gebastelt hat er – zum Beispiel Radios mit Kristalldetektor. „Die konnte ich prima auf dem Schulhof verkaufen.“ Experimente, das Erforschen spannender Formen in der Natur begannen frühzeitig: „Ich habe Raupen in ein Terrarium auf die Heizung gesetzt, gefüttert und gewartet, bis sie sich verpuppten, dann kam eine kleine zuckende Bewegung, und plötzlich befreite sich der Schmetterling aus der Hülle…“

Später hat er gemeinsam mit Rissa Freunde und Bekannte getestet. „Wir haben zum Beispiel eine natürliche Amöbenform mit einer kleinen Ausbuchtung oder einem Anhängsel verändert“, erzählt Rissa. „Die einen reagierten auf Hässlichkeit, weil die Harmonie gestört war, andere wieder haben es gar nicht bemerkt.“ Kraftvoller Schwung und enorme Geduld lagen Götz stets am Herzen – etwa bei den zahlreichen Schülern an der Kunstakademie Düsseldorf. „Ich habe sie alle an der langen Leine geführt, sie sollten sich ausprobieren und persönlich entwickeln. Impulse im entscheidenden Augenblick – das war wichtig.“

Noch bevor man vom „Studium mit Kind“ sprach, hat Götz jungen Müttern erlaubt, ihre Babys mitzubringen. „Sie wurden im Wäschekorb untergebracht, kein Problem“, sagt er, der gern im Ledersessel residierte. Er selbst hat die Kunstgewerbeschule in Aachen besucht – heimlich. Offiziell erfüllte er den Wunsch der Eltern, eine Lehre in der Aachener Tuchfabrik zu absolvieren, in der sein Vater Prokurist war. Webstühle, Garne, Farben, Stoffe. „Sehr interessant für mich, keine vergeudete Zeit“, sagt er heute. „Irgendwann hat mir mein Vater eine Staffelei geschenkt, obwohl er gar nicht wollte, dass ich Maler werde.“ Warum diese Geste? Er hat ihn nie gefragt.

Von Möhre und Apfel, die im Kunstunterricht in der Schule gemalt wurden, über das klassische Porträt strebte Götz‘ Kunst unaufhaltsam radikal abstrakter, gegenstandsloser Form zu. Götz: „Die Nazis mochten das nicht, es war gefährlich, aber ich habe trotz des Verbots weitergemacht.“

Der Krieg, die Stationierung in Norwegen, der Verlust von Teilen des Frühwerks bei der Bombardierung von Dresden, wo er die Kunstakademie besucht hat, all das überstand Götz und pflegte dabei beständig den Kontakt zur modernen Szene.

Endlich dann die Zeit der turbulenten Bohème. Die Kunstszene nahm spürbar internationale Fahrt auf, und im zunächst sehr kleinen Atelier wurden nicht nur selbst verfasste Gedichte gelesen oder heiße Diskussionen geführt. „Meine Mutter wollte dauernd dort putzen, weil sie neugierig war, das habe ich aber nicht zugelassen.“ 1958 vertrat Götz Deutschland auf der Biennale in Venedig, danach begann sein Weg in Düsseldorf.

Buntes ist lieblich

Große, provokante Gesten, starker dynamischer Ausdruck – die mit dem Rakel geformten Motive variierten, und das war kein Zufall. „Ich hatte bei jedem Bild zuvor Skizzen, die nicht größer als eine Streichholzschachtel waren, die habe ich umgesetzt“, verrät der Künstler, was mancher gar nicht weiß. Gewaltig türmt sich etwa das Schwarz in der weißen Farbmasse eines Bildes, das – neben einem glutroten Magmastrom – in der Essecke des Zimmers hängt. „Schwarz und Weiß, das ist großartig, das ist wirklich Kraft, das kann hart und aggressiv werden“, schwärmt Götz. „Ich liebte es. Bunte Farben wirken dagegen schnell lieblich.“

Da ist er wieder – der Professor für Freie Malerei, der Meister des Informel. Was ihn freut: Eine Doktorarbeit entsteht. Und er, der 100-Jährige, kann der Verfasserin, noch eine Menge erzählen. Seine Mutter sagte häufig: „Junge, du wirst dich noch umgucken.“ Das hat er getan.

Von: Sabine Rother